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Albumbesprechung Achim Reichel - Heiße Scheibe

Interpret: Achim Reichel

Titel: Heiße Scheibe

Erscheinungsjahr: 1979

Genre: Rock

Bewertung: 6 von 10  (6/10)

 

Rezension/Review

Die heiße Scheibe von Achim Reichel erschien 1979 im Anschluss an die drei sehr gut bewerteten Alben Dat Shanty Alb’m, Klabautermann und Regenballade.

Reichel hatte sich mit den drei vorgenannten Alben, wie er es selbst bezeichnete, in eine 'Volkslied' Richtung musiziert. Davon wollte er sich lösen und das tat er mit diesem Album relativ brachial. Nichts mehr deutet auch nur im Entferntesten auf Shanty oder Piratenlied hin, abgesehen von der 'Verballhornung' eines Villon Textes auch nichts auf klassische Lyrik. Damit hatte er sein Ziel erreicht, war aber selbst noch nicht zufrieden. Er präzisierte das später auf seiner Website, demnach war ihm klar, dass er aus der 'Volksliedecke' wegkommen wollte. Allerdings war der Weg nicht klar, was in einer 'Richtungslosigkeit' resultierte.

Was herauskam, war ähnlich dem Cover ein oft 'Cartoon'artiges Albume, das polarisierte. Das Cover wurde häufig als eher verunglückt bezeichnet, die Texte oft als banal und albern. Aber es gab auch andere Stimmen, so wurde das Album im damaligen MusikExpress gut bewertet. Der Rezensent fand sogar lobende Worte für die witzige Darbietung, in diesem Sinn wurde z. B. der Titeltrack als sehr gut gelungen gelobt.

Die Songs

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund bezieht sich auf den Text von Villon. Der musikalische Ausdruck mit dem bewusst 'lasziven' Gesang sollen dem Ganzen m. E. eine nicht ganz so ernstgemeinte Interpretation verleihen. Guter Einstieg.

Heiße Scheibe ist der Titeltrack und dürfte zu den kontrovers diskutierten Songs gehören. Dazu der Text:

Zwei Zwiebäcke flogen über den Horizont/ der eine war eckig, der andere rund/ Da kreuzte ein UFO ihren Weg/ so grad von links nach schräg/ doch bei näherem Hinsehen stellten sie fest/ es war von der Weißbrotstulle der Rest/ Die hatte sich gesonnt in fernen Landen/ und kam dabei fast gänzlich zu schanden/ denn ohne Sonnenöl, sie war erbost, wurd' aus ihr 'ne Scheibe Toast.

Über den Text kann man trefflich diskutieren. Ich bin froh, dass ein damaliger ME-Rezensent das ebenso witzig fand wie ein ehemaliger NDR-Verantwortliche - denn mir gefällt der Song mit seinen Rückgriffen auf die 50s auch gut.

Die rätselhafte Freundin behandelt die Liebe zu einer Freundin, die behaart ist und einen Bart hat und sich die Pfoten leckt. Wie vor kann man über diese Beschreibung eines Tierliebhabers unterschiedlicher Meinung sein, man kann es aber auch einfach so hinnehmen. Dann wird daraus ein Schuh. Musikalisch gilt ähnliches wie zuvor - viele Anspielungen an den frühen Rock'n'Roll plus einer subtilen Blues-Rock Note.

Sugarbonbon ist eine Art Rhythm And Blues plus Boogie-Note. Der Text - wie gehabt: mein Baby ist so sugar wie ein bonbon, diedel di bom bom...

Flipperkönig wurde storymäßig schon in anderer Form in der Rockmusik verarbeitet, musikalisch fischt Reichel im Retrobereich mit Einflüssen aus Blues, R&B und gesanglichen Elementen des Rock'n'Roll.

Werbemann erzählt in bluesrockiger Art und Weise über die 'Macht' der Werbebranche, der danach folgende Werbespott ist ein kurzer ironischer 'Werbespot', mit Betonung auf dem zweiten T und erneut witzig gemeint. Die Idee dahinter war nicht neu, aber in der Kürze kann man das auch einfach mal so stehen lassen.

Es ist keiner hier (außer Dir und mir) stellt lt. Reichel einen seiner Lieblingstracks des Albums dar - er wurde damals auch für den Sampler Rock in Deutschland genutzt. Ein moderat schneller Blues-Rocksong mit einem psychedelischen Solopart.

Song für die Steine erinnert mich an musikalisch an Americana, auch der Text passt irgendwie dazu. Hier geht's um einen Freund, der Jahre weg war und zurück kam mit 'Sternen in den Augen' - er schwebt etwas in anderen Sphären, was eine echte Annäherung schwierig macht. Auch in dem Fall würde ich behaupten, schon schlechteres Deutsches Textgut vernommen zu haben.

Casa Vela ist ein schönes folkig angehauchtes Instrumental. Nichs weltbewegendes, aber doch angenehm anzuhören.

Die Abschlusstracks Er würd' so gern auf Rollschuh'n fahr'n und Es ist wohl schon früh würde bilden nach meiner Ansicht keinen optimalen Abschluss - weder musikalisch noch inhaltlich.

Fazit Reichel stellte das Album auf der eigenen Website mit der Überschrift Heiße Scheibe - mein missratenes Werk? selbst infrage. Er meinte abschließend:

wenn Du von irgendwo herkommst und wo auch immer hin willst, vergreifst Du Dich halt manchmal in den Mitteln. Heiße Scheibe ist ein Beispiel für solch eine Situation.

Das kann man so sehen, man kann aber auch festhalten, dass nicht alles auf dem Album eine Griff in die Tonne ist. Reichel spielt sich mit einem Retrosound durch Songs, die zweifellos nicht alle überzeugen können. Aber an einigen kann man Gefallen finden. Für ihn war Es ist keiner hier so ein Song, für mich ist es tatsächlich der Titeltrack. Wie erwähnt war Reichel noch nicht da, wo er hin wollte. Aber er baute mit dem Album zweifellos die Brücke zu dem, was folgen sollte.

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Trackliste
  1. Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund
  2. Heiße Scheibe
  3. Die rätselhafte Freundin
  4. Sugarbonbon
  5. Flipperkönig
  6. Werbemann
  7. Werbespott
  8. Es ist keiner hier (außer Dir und mir)
  9. Song für die Steine
  10. Casa Vela
  11. Er würd' so gern auf Rollschuh'n fahr'n
  12. Es ist wohl schon früh

Rezensent: MP