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CD-Kritik Björk - Biophilia

Interpret: Björk

Titel: Biophilia

Erscheinungsjahr: 2011

Genre: Avantgarde, Electronica

Bewertung: Wertung: 8 von 10 Sternen

(8/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

Biophilia ist das achte Soloalbum von Björk, das Album soll in Europa am 10. Oktober veröffentlicht werden. Björk hat ihre Fans nach Volta gut vier Jahre warten lassen, dafür gibt es nun ein üppiges, konzeptionell angelegtes Album. Es geht um die Natur um uns herum. Biophilia ist es eines der ersten app-Alben (allerdings nicht das erste seiner Art). In der Praxis heißt das: es handelt es um ein multimediales Album mit Musik, Apps, Shows und dergleichen mehr. Das App soll, so Björk, Ausdruck der Musik, Story und Idee sein. Teile des Albums hat Björk auf einem iPad komponiert. Für sie war das nur folgerichtig, weil sie keine so genannten konventionellen Instrumente wie Gitarre oder Piano spielt. Sie ging hier noch einen Schritt weiter und experimentierte mit neuen Sounds bzw. Instrumenten. So wurde auf Thunderbolt ein Tesla Spule als Instrument genutzt, Crystalline nutzt einen Soundmix aus Gamelan und Celesta. Pendelsounds wurden mit Harfensounds gemixt und sollen z. B. den natürlichen Rhythmus der Erde symbolisieren.

Die iPad Version soll zehn verschiedene Apps beinhalten, die alle einem so genannten Mother App entstammen. Dabei soll jeder App zu einem Track des Albums passen. Jeder App besitzt auch ein Spiel, welches wiederum zum jeweiligen Song passen soll. Alles sehr technisch, wer's braucht ist gut dran.

Musikalisch gehört Björk nicht gerade dem Mainstream an. Auch auf Biophilia lotetet die Isländerin, neben den eingangs genannten Gimmicks, Grenzen aus. Während die Melodien der Songs hier aber stellenweise fast schon eingängig wirken, fällt die Nutzung ungewöhnlicher Metren (Taktarten) auf. Dem Album scheint der 4/4Takt ziemlich fremd zu sein, Björk musiziert über sehr exotische Taktarten. Dabei ist der 17/8 Takt z. B. in Moon und Mutual Core sicherlich einer der ungewöhnlichsten.

Die Songs

  • "Moon" nutzt vier verschiedene, sich wiederholende Harfensequenzen, um die Mondphasen zu beschreiben. Es ist einer der Songs, der den ungewöhnlichen 17/8 Takt nutzt. Björk kann über dem Harfenteppich schöne Gesangslinien platzieren.
  • "Thunderbolt" wirkt mit den Harmonium-ähnlichen Sounds wie ein Trauermarsch. Auf dem Song nutzt Björk die eingangs erwähnte Tesla-Spule als Instrument. Interessant ist die Nutzung von Arpeggien, welche die Zeitspanne zwischen dem Sehen des Blitzes und dem Hören des Donners darstellen sollen.
  • "Crystalline" wirkt durch den Einsatz des Gameleste (eines synthetischen Soundmixes aus Gamelan und Celesta) tatsächlich irgendwie kristallin. Der Song wurde als Hauptsingle schon Ende Juni veröffentlicht, er tendiert musikalisch mit minimalistischen synthetischen Sounds in Richtung Electronica. Ganz angenehm wirken die Aufbrüche in relativ harte Drum'n'Bass-sounds, welche eine angenehme Abwechslung bringen.
  • "Cosmogeny" ist erneut sehr minimalistisch konzipiert. Björks Gesangsparts bestimmen den Song ganz klar, die Instrumentalparts wirken eher subtil. In der Summe wird ein angenehm ergreifender Song präsentiert.
  • "Dark Matter" behandelt thematisch die dunkle Materie. Deren Phänomen ist wissenschaftlich nicht erklärbar. Dieses Phänomen stellt Björk durch einen dunklen und geheimnisvollen Song und dem Gebrabbel sehr plastisch dar. Dementsprechend liegen wir hier musikalisch sehr viel stärker im Avantgarde.
  • "Hollow" hält den Avantgarde-Kurs. Geboten werden wirre DX-Soundsplitter, darüber der schräge Björk-Gesang und interessante Vokalharmonien.
  • "Virus" bezieht sich auf das (Liebes-)Verhältnis Virus - Zelle, was im Prinzip auch auf zwischenmenschliche Verhältnisse umgelegt werden kann. Sehr kontrastreich wirken hier auf mich die kinderliedähnlichen Melodien mit den Steeldrumähnlichen Sounds und allerlei netter Gimmicks.
  • "Sacrifice" nutzt den Harfe-Pendelmix, welcher die Harfensounds in ganz neuem Licht erscheinen lassen. Ungeachtet der ungewöhnlichen Harfensounds ist die melodische Struktur des Songs gut nachvollziehbar, auch hier gibt es gegen Ende einen musikalischen Aufbruch Richtung Drum'n'Bass.
  • "Mutual Core" besitzt wieder diesen Trauermarschähnlichen Ausdruck. Björk singt etwas traurig über Harmoniumsounds, dazu gibt es aber etliche schräge Sequenzen und erneut bricht ein Drum'n'Bass Gewitter über den Hörer herein, welches den Hörer geradezu aus der Lethargie reißt.
  • "Solstice" bildet einen angenehmen Abschluss. Der Song ist zwar kontrapunktisch geprägt, wirkt in seiner minimalistischen Struktur mit den Pendel-Harfensounds jedoch gut konsumierbar. Über diese traumhaft schönen Harfensounds gibt sich Björk die Ehre mit eindrucksvollen Gesangsparts.

Fazit Dieses Album bedient das sprichwörtliche Klischee der Summe der Einzelteile. Die Einzelteile an sich sind gut gelungen, aber keineswegs überragend. Wer sich nur die Musik anhört, der könnte sogar etwas enttäuscht werden. Björk hat sicherlich schon bessere Alben vorgelegt. Auch die anderen Einzelparts gehen zwar in Ordnung, aber sie entfalten ihre Stärke erst in der Gesamtkonzeption. Nur dann macht das alles Sinn und dann ist es gleichzeitig eine hervorragende Leistung. Tatsächlich stellte sich Björk vor, dass der Hörer hier in einer Art Museum von Raum zu Raum gehen soll und Dinge für sich entdecken kann. Dazu gibt es visuelle Hilfen, zusätzlich erhält der Hörer auch noch die Möglichkeit, zu dem Song ein Spiel zu spielen. Wer sich auf das Gesamtpaket einlässt, der fühlt sich dann auch wie in einer Art digitalem Museum mit Soundberieselung und darf so ein durch und durch ungewöhnliches Projekt miterleben.

Trackliste

  1. Moon (Lunar cycles, sequences) 5:40
  2. Thunderbolt (Lightning, arpeggios) 5:14
  3. Crystalline (Structure) 5:07
  4. Cosmogony (Music of the Spheres, equilibrium) 4:56
  5. Dark Matter (Scales) 3:23
  6. Hollow (DNA, rhythm) 5:49
  7. Virus (Generative music) 5:21
  8. Sacrifice (Man and Nature, notation) 4:02
  9. Mutual Core (Tectonic plates, chords) 5:11
  10. Solstice (Gravity, counterpoint) 4:42

Dazu gibt es eine Vielzahl digitaler Downloadmöglichkeiten, Digipak und Japanese editions bonus tracks sowie Manual and Ultimate Editions CD 2 (Live From Manchester)

Rezensent: MP

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