Beachten Sie bitte vor Nutzung der Webseite die Datenschutzerklärung. Mit Nutzung der Webseite akzeptieren Sie diese.

Anzeige

Albumbesprechung Kate Bush - The Kick Inside

Interpret: Kate Bush

Titel: The Kick Inside

Erscheinungsjahr: 1978

Genre: Pop-Rock, Art-Pop

Bewertung: Wertung: 8 von 10 Sternen

(8/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

The Kick Inside ist das Debütalbum von Kate Bush. Das Album erschien erstmals am 17. Februar 1978. Für Kate Bush war es zugleich der Durchbruch. Die ausgekoppelte Single Wuthering Heights erreichte Rang 1 der britischen Charts, das Album kam auf Rang 3 der Albumcharts.

Das war damals schon ein Ding. Kate Bush war zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal 19 Jahre alt. Sie schrieb schon im Alter von 13 Jahren ihre ersten eigenen Songs und wurde schließlich von David Gilmour gefördert, einem Bekannten ihrer Familie. Mit dem Release des Albums war die Fachwelt aber etwas überfordert. Da war dieser gigantische Erfolg, der aber in der Regel sehr kritisch beäugt wurde. Es war vielerorts die Rede von einer jungen feenhaften und zweifellos betörenden Erscheinung mit einer sehr speziellen fast quiekigen Stimme, die für viele vor allem durch ihr Lolita Flair punkten konnte. Man glaubte oft nicht daran, dass Kate Bush besonders großen Anteil am Songwriting hat und ging von einer gehypten Eintagsfliege aus. Viele Fachblätter hatten aber schlicht und einfach Probleme, die junge Dame einzuordnen, weshalb man darauf kam, dass hier einfach nichts zusammenpassen würde. Heute ist man insgesamt schlauer, die englische Fachpresse bezeichnete Kate Bush später sogar als die ungewöhnlichste Künstlerin, die je in England entdeckt wurde. Wahrscheinlich war sie ihrer Zeit einfach voraus, vielleicht war sie auch die Wegbereiterin für nachfolgende Art-Pop Künstlerinnen (wie z. B. Björk). Wer weiß. In jedem Fall war sie damals die erste weibliche Künstlerin überhaupt, die in England mit einem selbst verfassten Debütsong Rang 1 der Charts erreichte. Auch in Deutschland lernte man die Arbeit von Kate Bush schätzen. Und ihr Erfolg sollte dann eben doch länger als nur einen Sommer dauern.

Etwas zur Geschichte des Albums

Wie eingangs erwähnt, schrieb Kate Bush schon mit 13 ihre ersten Songs. Angeblich hatte sie zum Zeitpunkt der Aufnahmen schon einige hundert Songs verfasst. David Gilmour wurde auf ihr Talent aufmerksam und förderte sie. So nahm er mit Ihr im Rahmen der so genannten 1975er AIR-Sessions einige Demosongs auf. Schnell gab es einen Plattenvertrag und im Juli 1977 begannen die Aufnahmen zum Album in den AIR Studios. Als Produzent stand Andrew Powell an ihrer Seite. Er war ein Kumpel Gilmours und zudem schon eine anerkannte Größe in England, bekannt vor allem durch seine Mitarbeit beim Alan Parsons Project. Für die Aufnahmen konnte Kate auf ein erlesenes Personal aus (Progressive) Rockkreisen Englands zurückgreifen. Dabei war u. a. die damalige Kernbesetzung des Alan Parsons Project mit Duncan Mackay, Ian Bairnson, David Paton und Stuart Elliott sowie dem vorgenannten Andrew Powell. Dabei war auch Kates Bruder Paddy Bush, David Gilmour fungierte als Executive Producer. Kate Bush behielt große Kontrolle über das Projekt, sie wählte mit Powell aus ihrem Fundus die Songs aus, welche auf das Album sollten. Sie lehnte sich auch gegen die Plattenfirma auf, als diese den rockigen Song James And The Cold Gun ausgekoppelt haben wollte. Bush bestand aus Wuthering Heights und der Erfolg gab ihr Recht.

Ende 1977 waren die Songs soweit im Kasten, dass man sie an britische Radiostationen schickte, im Januar 1978 wurde Wuthering Heights veröffentlicht, im Feburar schließlich das Album. Nach Auftritten im deutschen TV (u. a. Bio's Bahnhof) sowie in wichtigen britischen Musiksendungen jener Tage erreichte Wuthering Heights im März Rang 1 der Single-Charts im UK (beste Platzierung in Deutschland Rang 11), das Album erreichte im Folgemonat Rang 3 der UK Album-Charts (in Deutschland Rang 21).

Die Songs

Eröffnet wird das Album von kurzen Walgesängen (ein Sample von Songs Of Humpback Whale), welche überleiten in den Track Moving. Beides hatte für Bush viel mit dem Thema Bewegung zu tun. Für Bush war es ein wichtiges Statement für ihren Lehrer Lindsay Kemp, dem sie nach eigenen Aussagen viel zu verdanken hatte

er musste einen persönlichen Song bekommen. Er öffnete mir die Augen für die Bedeutung von Bewegung, er schafft es, dass du dich gut fühlst.

Die Walgesänge sah sie als eine sinnvolle Überleitung, da Wale alles über die Bewegung an sich ausdrücken können. Sie seien so groß und doch so elegant und schön. Wale seien auch ein Sinnbilld für Kommunikation, einerseits durch Bewegung, andererseits durch ihre besondere Form der Verständigung. Als Single wurde Moving nur in Japan ausgekoppelt, dort erreichte sie Rang 1 der Charts. Der Song kam bei Kritikern gut an, von manchen Publikationen wurde er zum besten Song des Albums gekürt. Ein schöner kunstvoller Popsong, der auch mit dem Walgesang Formschluss toll konzipiert ist.

Diese Walgesänge leiten in dem Sinn formschlüssig über in den Saxophone Song, der sich harmonisch an den Vorgänger anschließt, wobei der Saxophone Song etwas bewegter und verspielter wirkt. Das wirkt wie eine kleine Suite. Der Song an sich gehört zu den älteren Bush-Songs. Nach eigenen Aussagen schrieb sie ihn nur wegen ihrer Bewunderung für das Saxofon und dessen "weiblichen" Klang. Es sei definitiv kein Song über David Bowie (wie oft behauptet wurde).

Strange Phenomena behandelt Phänome wie das so genannte déjà vu bzw. die Synchronizität der Dinge und Geschehnisse an sich, Bush spannte den Bogen zu weiblichen Themen u. a. die Menstruation. Der Guardian kam zu einer sehr speziellen Einschätzung: ein offener Lobgesang auf die Menstruation. Dies dürfte vor allem den ersten vier Zeilen geschuldet sein:

Soon it will be the phase of the moon When people tune in. Every girl knows about the punctual blues, But who's to know the power behind our moves?

Kate beschrieb aber eher Zufälligkeiten im Allgemeinen. Du hörst zufällig etwas im Radio, irgendwann passiert dir draußen dasselbe bzw. allgemein das bekannte Phänomen: du befindest dich in einer Situation und könntest schwören, genau diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Von solchen Phänomenen sind wir immer umgeben, aber nur wenige Menschen nehmen sie so richtig wahr (vielleicht unterstellt sie gleichzeitig, dass Frauen da die besseren Antennen haben).

Kite ist der vierte Song des Albums. Für Bush ging es um die Spannung zwischen Erdverbundenheit und dem Abheben, eigentlich eher im metaphysischen Sinn, hier aber auch durch den Flugdrachen auf dem Cover visuell unterstützt. Der Hauptcharakter hat lt. Bush das Gefühl, sehr erdverbunden zu sein. Da ist aber auch eine Kraft, die ihn Richtung Himmel zieht. Eine Stimme, die sagt: komm hoch und sei wie ein Flugdrachen, wie eine Feder im Wind. Er mag dieses Gefühl, aber irgendwann wird die Sehnsucht nach dem "sicheren" Boden wieder stärker. Interessant umgesetzt, vor allem durch die Wechsel zwischen Reggaeanklängen, Vaudeville und eingängigem Pop. Als musikalische Inspiration zu diesem Song nannte Bush später einmal Bob Marley.

The Man with the Child in His Eyes ist der fünfte Song des Albums und war die zweite Single. Es ist einer der älteren Songs des Albums, geschrieben hat ihn Bush schon im Alter von 13 Jahren. Erstmals aufgenommen wurde der Song im Rahmen der AIR Sessions mit David Gilmour. Die Enstehungsgeschichte hat etwas Bush-typisches. Demnach kam die Idee, als sie eines Tages ans Klavier saß. Das Klavier begann mit ihr zu reden so kam die Musik zum Text über ihre Beobachtungen der scheinbar erwachsenen Männer in ihrem Umfeld: sie stellte fest, dass in jedem von Ihnen ein kleiner Junge schlummerte. Sie befand, dass erwachsene Männer häufig diesen kleinen Jungen in sich bewahren. Frauen dagegen zeigten dieses Phänomen seltener. Für Bush war es zugleich auch die Bekenntnis, dass sie stark von älteren Männern angezogen wurde. Etwas Normales nach ihrer Ansicht, denn fast jede Frau würde später irgendwie nach der Vaterfigur suchen (ebenso wie Männer gerne nach einer Mutterfigur suchen). Musikalisch hat sie ihre Beobachtungen in diesem Fall in eine wunderschöne Pianoballade gekleidet, welche für die Aufnahmen eine schöne Orchestrierung und melodieunterstützende Bläser bekam. Mich erinnert das etwas an die symphonischen McCartney Balladen zu Beatles Zeiten.

Wuthering Heights gehört zu den bekanntesten Songs des Albums, erfolgreich ausgekoppelt u. a. in England, Australien, Irland, Italien oder auch in Deutschland. Wuthering Heights war bis dato der größte Singleerfolg für Kate Bush. Sie bezog sich inhaltlich auf die bekannten Bronte Novelle, wobei Bush sich aber primär von einer TV-Adaption inspirieren ließ und die Geschichte erst später las. Egal: die Umsetzung ist perfekt gelungen, Bairnsons solo gegen Ende rundet die Sache perfekt ab. Außerdem sollen die Buchverkäufe von Wuthering Heights nach dem Erfolg der Single stark angezogen haben.

James And The Cold gun eröffnete die zweite LP-Seite und war der rockigste Song des Albums. Die Plattenfirma wollte diesen Song als Single ausgekoppelt sehen, Bush setzte sich aber mit Wuthering Heights durch. Bush hatte zweifellos die besser Nase. Ungeachtet dessen kann auch dieser Song auf seine Art etwas, es ist ein unterhaltsamer Mix aus Wave-Pop, Glam-Rock und (vor allem gegen Ende) leicht progressiven Anteilen.

Feel It ist eine intimer Song mit Klavier und Gesang. Es gab wohl einige solcher Tracks, nur Feel It schaffte es auf die Platte. Es geht um Liebe und Lust, die Suche nach der perfekten Beziehung und die durchaus lustvollen Erfahrungen auf dem Weg dorthin. Nach Ansicht vieler Fachleute war der Text auf seine Art erstaunlich offen und direkt (z.B. Here comes one and one makes one The glorious union. Well, it could be love, Or it could be just lust, but it will be fun It will be wonderful).

Oh To Be in love ist auch einer der älteren Songs, inhaltlich mit einer gewissen Nähe zum Vorgänger. Der Song startet auch sehr ruhig und fast verhalten und droht dabei etwas unterzugehen. Schade, denn nach dem ruhigen Angang entwickelt sich hier ein interessant aufgebauter Song.

L´amour Looks Something Like You könnte man auch mit Feel It und Oh To Be In Love vergleichen, vielleicht hat sie da bewusst eine kleine Triologie gestaltet. Es scheint vor allem ein leicht schmachtendes Liebeslied mit stellenweise krypischem Text zu sein. Musikalisch ähnliche wie Feel It, jedoch etwas aufwändiger konzipiert und mit einem moderaten Rockfeel.

Them Heavy People beschreibt Menschen, welche vor durch ihre Lehren Schwergewichte für Bush darstellten, religiöse bzw. spirituelle Führer wie Jesus oder Gurdjieff. Interessant, dass sich Bush in so jungen Jahren mit solchen Themen auseinandersetzte und zugleich ausdrückte, dass sie darüber so viel wie möglich lernen möchte. Beeindruckend auch die Erzählung von Kate Bush, wie so ein Song ensteht. Demnach war es wohl so

eines Tages war da die Phrase Rolling The Ball in meinem Kopf. Ich dachte, es wäre eine gute Idee für einen Song. Ich rannte zum Klavier und, spielte und hatte schnell die Akkorde dafür. Da flossen unzählige Ideen ein, die einfach irgendwie da waren. Zu der Zeit unterhielten sich mein Vater und mein Bruder oft über die Arbeit Gurdjieffs und die tanzenden Derwische. Ich pickte etwas davon auf und nahm etwas dazu, was sich einfach reimte. Das ging furchtbar einfach, manchmal vielleicht zu einfach.

Für Kate Bush ist und bleibt es wohl ein sehr wichtiger Song. Der Song sei, wann immer sie ihn spielt, wie ein Gebet, welches sie an die richtige Richtung erinnert.

Room for the Life könnte man als einen Song mit feminstischem Unterton deuten, eine Sache übrigens, welche man Bush zu ihrer eigenen Überraschung immer wieder nachsagte. Kate kommt in dem Song zum Schluss, dass Frauen mehr Überlebenskräfte als Männer haben einfach schon einmal aus dem Grund, weil sie Kinder gebären. Frauen sollten sich daher nicht von Männern kleinreden lassen und sind nicht nur zum Amusement für Männer gemacht. Wo sie recht hat. Damals war diese klare Ansage gewagt und daher umso bemerkenswerter. Musikalisch wird das wieder mit einen schönen kunstvollen Pianopop unterstützt, interessant die Latinsequenz, welche für meinen Geschmack den Inhalt prima unterstützt.

The Kick Inside wurde inspiriert von der Ballade der Lizie Wan. Es ist eine traditionelle Ballade aus der Sammlung des Francis James Child. Inhaltlich ist die Ballade hart: es geht um ein Mädchen, welches von ihrem Bruder schwanger ist und sich schließlich umbringt, um Familie und Bruder zu schützen. Der Titel The Kick Inside dürfte sich auf die typischen Bewegungen des ungeborenen Babys im Bauch beziehen. Der inhaltliche Schwerpunkt für Bush war hier einerseits das Tabu-Thema Inzest und der heroische Selbstmord der Schwester (I'm doing it for you, Don't worry, I'll come back to you someday.) Ein echtes Schwergewicht zum Abschluss, für meinen Geschmack musikalisch schon eine Art symphonischer Prog.

Fazit Wenn ein 19-jähriges Mädchen so ein Debütalbum vorlegt, kann man nur in Superlativen schwelgen. Es ist faszinierend, wie Kate Bush hier abliefert. Das ist sozusagen ein Gesamtpaket aus gelungenem Songwriting, kunstvollen Arrangement und dazu einer ungemein ausdrucksstarken Sängerin und Performerin. Bekanntlich konnte sie dieses Niveau nicht nur halten, sie legte mit späteren Alben noch zu. Ungeachtet dessen würde ich The Kick Inside zu den besten Alben Kate Bushs zählen, einfach auch weil sie hier so ungemein unbefangen und fast kindlich wirkt. Diese spezielle Note mit dem sehr speziellen Gesang hörte man danach nur noch selten, er konnte manchen Hörer nachhaltig verstören, machte andererseits einen gewaltigen Reiz dieses Albums aus, welches man in jedem Fall zu den Meilensteinen der Rockmusik zählen darf.

Trackliste

  1. Moving 3:01
  2. The Saxophone Song 3:51
  3. Strange Phenomena 2:57
  4. Kite 2:56
  5. The Man with the Child in His Eyes 2:39
  6. Wuthering Heights 4:28
  7. James and the Cold Gun 3:34
  8. Feel It 3:02
  9. Oh to Be in Love 3:18
  10. L'Amour Looks Something Like You 2:27
  11. Them Heavy People 3:04
  12. Room for the Life 4:03
  13. The Kick Inside 3:30

Rezensent: MP

Anzeige