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Review Birth Control - Backdoor Possibilities

Interpret: Birth Control

Titel: Backdoor Possibilities

Erscheinungsjahr: 1976

Genre: Prog-Rock

Bewertung: Wertung: 8 von 10 Sternen

(8/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

Backdoor Possibilities ist der Titel des sechsten Studioalbums der Band Birth Control. Das Album erschien im Jahr 1976. Eingespielt wurde es in der Besetzung Bernd Noske (Leadgesang, Drums), Peter Föller (Bass, Gesang), Bruno Frenzel (Gitarre, Gesang) und Zeus B. Held (Keyboards, Saxofon, Tubular Bells, Gesang).

Backdoor Possiblities ist das interessanteste Album der Band. Was auf dem Vorgängeralbum Plastic People angedeutet wurde, zog die Band hier komplett durch und präsentierte ein progorientiertes Konzeptalbum. Vom klassischen Hard-Rock der Vorgängeralben war auf Backdoor Possibilities praktisch nichts mehr zu hören.

Eigentlich kam das nach dem Album Plastic People nicht ganz überraschend. Aber trotzdem waren die klassischen Birth Control Fans damals wohl so verstört, dass sie sich enttäuscht von der Band abwandten. Die spielte in der Folge nicht selten extrem schlecht besuchte Konzerte und legte dann erst einmal eine Pause ein.

Backdoor Possibilities ist damit das Album, welches innerhalb der Banddisko sicherlich am heftigsten diskutiert wird. Da ist einmal der Wechsel zu nahezu durchgängig progressiver Musik. Dazu legte die Band hier eine Art Konzeptalbum vor, in dem sie sozusagen das Leben des typischen Spießbürgers darstellt. Der wird in einem steckengebliebenen Aufzug mit dem Tod konfrontiert und stellt sich die Fragen, die man sich eben so stellt. Mag sein, dass es interessantere Stories gibt, aber das ist Geschmackssache und bezüglich der Musik per se eher zweitrangig.

Und die Musik ist hier, da würde ich mich festlegen, vorzüglich. Den Kurs schien Zeus B. Held etwas vorgegeben zu haben. Was damals als schlechte Kopie von Genesis, Yes und King Crimson bemängelt wurde, erinnert in der Praxis eher an Gentle Giant. Richtig ist sicherlich, dass Held dazu auch noch Elemente anderer großer Progbands einfließen ließ, ebenso könnte man Motive aus dem Jazz Fusion US-amerikanischer Prägung (z. B. Return To Forever) feststellen.

Die Konzeptidee realisiert die Band u. a. durch zusammenhängende Songs. "Prologue", "Physical And Mental Short Circuit" und "Subterranean Escape" präsentieren gleich zu Beginn klassischen Gentle Giant Prog mit Elementen aus Jazz-Rock und stellenweise free-jazziges Material.

Der "Film Of Life" läuft dann eher im Stil von Camel bis Genesis ab, im Mittelteil groovt die Band sogar relativ BC-klassisch. Eher Pink Floyd spacig wirkt der kurze "Childhood Flashback", welcher im "Legal Labyrinth" mündet. Erneut hält sich die Band in starkem Maß an Gentle Giant, hier an deren kontrapunktischen Gesang. Im weiteren Verlauf dreht die Band auf, Frenzels Spiel erinnert mich an Carlos Santana.

"Futile Prayer" wird mit einem Mix an spanischen/klassischen Akustikgitarrenmotiven eröffnet. Mit Einsetzen des Gesangs wirkt das krautrockig. Insgesamt ein mysteriöser Track, dessen Intention mir nicht ganz klar wird.

Anders die Suite "La Cigüena de Zaragoza". Eröffnet wird die mit dem vorzüglichen Instrumental "The Farrockaway Ropedancer". Die Rhythmik ist interessant und erinnert an US-Fusionbands wie Return To Forever. Mit Latinflair kommt "Le Moineau De Paris" daher, mit dem Übergang zum "Cha Cha D'Amour" erinnert die Band in den Saxparts an Camel/Caravan. Ganz witzig ist in dem Zusammenhang die kurze Anspielung an Take Five.

"Behind Grey Walls" wirkt mit dem Akustikpiano klassisch und Held erinnert hier fast zwangsläufig an Kollegen wie Hans-Jürgen Fritz. Das mündet in fett instrumentierte Progparts, welche im Zusammenhang mit der Grundstory gut gelungen sind und den Track zu einem der zentralen Tracks der Story machen.

"No Time To Die" ist stilistisch sehr breit angelegt. Die Band wirft alle erdenklichen Vorgaben aus dem Prog plus spacige Passagen a la Pink Floyd und subtile Jazz-Fusion Elemente in den Topf. Instrumental ist das erste Sahne, es wirkt vielleicht etwas überladen und die Gesangsmelodie ist etwas verunglückt.

Fazit Backdoor Possibilities ist das außergewöhnlichste Album der Band Birth Control, alleine aufgrund der musikalischen und konzeptuellen Ausrichtung. Zeus B. Held versuchte sich in einer zusammenhängenden Geschichte und richtete die Band hier praktisch komplett Richtung Prog aus. Das hatte und hat die Fanbase der Berliner gespalten, bis heute wird Backdoor Possibilities eher etwas unterschlagen. Schade, denn für sich alleine betrachtet ist dieses Album bärenstark. Mag sein, dass Held sich stark an Vorbildern der (UK)Prog-Welt orientierte. Aber in der Summe hat das schon wieder etwas Eigenständiges. Musikalisch zeigt sich die Band sehr gut aufgestellt, zumindest wirkt das im Gegensatz zum Vorgängeralbum weniger holprig. Auf seine Art gehört Backdoor Possibilities daher auch zum Besten, was Birth Control je veröffentlichten.

Trackliste

  1. One First of April
  • Prologue 2:31
  • Physical And Mental Short Circuit 3:57
  • Subterranean Escape 1:10
  1. Beedeepees
  • Film Of Life 5:36
  • Childhood Flash-Back 0:53
  • Legal Labyrinth 2:08
  1. Futile prayer 5:56
  2. La Cigüena de Zaragoza
  • The Farrockaway Ropedancer 4:27
  • Le Moineau De Paris 2:24
  • Cha Cha D'Amour 1:26
  1. Behind Grey Walls 6:52
  2. No Time To Die 6:10
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Rezensent: MP