CD-Kritik Berlin Boom Orchestra - Hin Und Weg

Interpret: Berlin Boom Orchestra

Titel: Hin Und Weg

Erscheinungsjahr: 2010

Genre: Ska, Reggae, Dancehall

 

Rezension/Review

Hin Und Weg ist das zweite Studioalbum der deutschen Ska-/Reggae-Band Berlin Boom Orchestra. Das Album wurde im Juni 2010 veröffentlicht. Das Berlin Boom Orchestra hatte sich zuvor in Ska-Kreisen einen guten Ruf erspielt, erhielt etliche Preise und konnte sich Live immer wieder gut in Szene setzen.

Mit dem zweiten Album konnte die Band in der groovigen Szene zwischen Ska bis Dancehall wiederum punkten. Dabei reicht das Spektrum der Band weit über puren Ska hinaus. Die Band spielt sich auf dem Album durch 18 Tracks, von Ska über Reggae und Dub bis Dancehall und Einflüssen anderer Stilistiken.

Die Songs

Sinnvollerweise beginnt das Album mit dem Song "Wenn Es Losgeht". Die Band beschreibt das Eintauchen in die Berliner Nächte und die etwas deprimierende Realität, wenn es wieder Montag wird - weist aber darauf hin, dass es auch wieder Nacht werden wird. Der Song passt gut mit seinem relaxten und moderaten Skagroove, perfekten Bläserarrangements und schön brummelndem Bass. In den Strophen landet die Band durchaus im Dancehall. Kaum anders funktioniert "Meister aller Klassen" mit anfangs dicken Bläsersätzen, welche im Lauf des Songs dem Gesang mehr und mehr Platz machen. "Security Advice (Skit") ist mit 16 Sekunden Laufzeit ein kleiner Musique-Concrete Gimmick, der mit den Stationsansagen einen optimalen Einstieg in den Song "Reisefieber" bietet. Die Band klingt hier passenderweise nach Jamaika und Karibik, inhaltlich befasst sich die Band aber kritisch mit dem Thema Globalisierung. "Zwischen Gestern und Morgen" besitzt ein langes Intro, das irgendwie nach Spanien klingt - dann aber wieder in einen angenehm groovigen Reggae/Ska mündet. Auch hier wirkt der Text sehr nachdenklich, er befasst sich mit dem Aufbau von Fassaden, um in der modernen Welt bestehen zu können. "Spüre den Verlust" ist ein weiterer relaxter und grooviger Song mit schönen Instrumentalparts, vor allem das Bläsersolo klingt ungemein interessant. Die Band setzt sich, auf ihre Weise im Dubfeeling, mit dem Thema Liebe auseinander. "Alles was zählt" überrascht mit verzerrten E-Gitarrensounds, sogar ein Solo gibt es, und das klingt mit mehrfach-Spuren und neoklassischen Figuren äußerst interessant - passt aber dennoch gut. Diese rockige Komponenten passt hier wieder sehr gut zum Inhalt, der sich mit der Frage nach Tun oder Nichttun befasst.

"Ein Tag im November" ist ein schöner Reggae mit einer etwas melancholischen Stimmung. Die Fragestellung, was wirklich der Hintergrund dieser Mauerfall-Feiertagseuphorie ist, ist durchaus berechtigt und wird gut transportiert. Auch "Weg Und Ziel" bleibt eher nachdenklich, die Instrumentierung ist wieder extrem ausgefuchst und wirkt üppig. Gegen Ende gibt es ein äußerst interessantes jazziges Bläsersolo. "Stagnation" bleibt, trotz Ska Rhythmik, im jazzigen Bereich. Die Musiker dürfen sich auf dem Instrumental von Keyboarderin Klenner angenehm austoben. "Nein, Mann!" klingt mit seinem harten Groove irgendwie ganz anders als die vorhergehenden Songs. Auch hier bleibt die Band in Ska und Reggaenähe, klingt aber doch aufregend anders. Der rhythmische Gesang ist wieder eine Reminiszenz an den modernen Dancehall. Den Ausbau Europas zur Festung und die sonderbare Rolle Deutschlands sollte man ruhig öfter thematisieren.

Sehr interessant und anders klingt der Song "Hunde", den Trompeter Sixtus beisteuerte. Der Song hat irgendwie ein spacig psychedelisches Feeling mit Anleihen an Electronic. Dennoch bleibt der Groove erhalten, mit den angezerrten Gitarrenlinien erhält der Song sogar ein gewisses Retrorockflair. "Nicht egal" rumpelt über komplexe Rhythmen mit einem wiederum schwerwiegenden Text über nette Melodien und subtiles Dancehall Flair. Das Instrumental "Die dreisten Vier" verströmt orientalisches Flair, welches in aller Härte auf Karibik und Klezmer trifft. Diese Klezmer-Elemente wirken auf "Endbahnhof Rudow" noch etwas deutlicher.

Zum Abschluss gibt es noch drei Remixe. "Spüre den Dub (Tiger Hifi Echo Remix)" ist eine Dub Version von Spüre den Verlust. "Wenn es aufhört (Ganjaman Eternal Delay Remix)" ist ein Remix des Introsongs Wenn es anfängt. Auch hier wird der Song mit allerlei Studiogimmicks heftig getunt. Relativ eng am Originalsong bleibt das abschließende "Meister aller Klassen (Radio Edit)". Hier kann die Band insgesamt gegenüber den Originalen, aus meiner Sicht, nicht wirklich zulegen.

Fazit Musikalisch ist alles im Lot beim Berlin Boom Orchestra, die Band agiert perfekt und liefert ein äußerst vielschichtiges Album ab. Die Texte sind anspruchsvoll und haben Tiefgang, sie animieren zum Zuhören. So gesehen bietet das Album The Best Of Both Worlds - wer einfach nur unterhaltsame Musik möchte, kann das Album genauso gut konsumieren wie der, der Musik mit inhaltlichem Tiefgang möchte. In beiden Fällen funktioniert das Berlin Boom Orchestra sehr gut.

Trackliste

  1. Wenn es losgeht
  2. Meister aller Klassen
  3. Security Advice (Skit)
  4. Reisefieber
  5. Zwischen Gestern und Morgen
  6. Spüre den Verlust
  7. Alles was zählt
  8. Ein Tag im November
  9. Weg & Ziel
  10. Stagnation
  11. Nein, Mann!
  12. Hunde
  13. Nicht egal
  14. Die dreisten Vier
  15. Endbahnhof Rudow
  16. Spüre den Dub (Tiger Hifi Echo Remix)
  17. Wenn es aufhört (Ganjaman Eternal Delay Remix)
  18. Meister aller Klassen (Radio Edit)

Rezensent: MP

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