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CD-Kritik Joan Baez - Joan Baez

Interpret: Joan Baez

Titel: Joan Baez

Erscheinungsjahr: 1960

Genre: Folk

Bewertung: Wertung: 7 von 10 Sternen

(7/10 - Rezensionen: 1)

 

Rezension/Review

Joan Baez ist das selbstbetitelte Debütalbum der Musikerin Joan Baez. Das Album erschien im Jahr 1960 auf dem damals bekannten Indie-Folklabel Vanguard. Baez wirkte ein Jahr zuvor schon auf dem Album Folksingers Round Harvard Square mit, das Album war jedoch ein Folk-Sampler und kein Joan Baez Album.

In der Phase konzentrierte sich Joan Baez in starkem Maß auf die Präsentation alter Folksongs. Hier waren es 13 Folksongs aus verschiedenen Kulturkreisen, vor allem Songs mit Wurzeln in den USA und Großbritannien.

Die Songs spielte Baez sehr originär ein. Man hört vor allem eine sich selbst auf der Gitarre begleitende Joan Baez, stellenweise spielte Fred Hellerman zusätzliche Gitarrenparts ein. Baez spielte die Songs in vier Tagen vor zwei Mikros praktisch Live in einem Saal in einem New Yorker Hotel ein. Dieser Purismus war beachtlich, die Songs lebten vor allem von Baez' Stimme und in zweiter Linie von der Gitarrenbegleitung. Vor allem mit ihrem beseelten Gesang machte Baez die Songs nach Meinung vieler Fachleute lebendig, daher wird dieses Album auch als ein Meilenstein der modernen Popmusik betrachtet. Es gehört zu den wichtigsten Alben des 1960er Folkrevival in den USA. Mit dem Album begann letztlich auch die Karriere eines wichtigen Protagonisten dieses Revivals.

Das Album fand damals viele Fans, verkaufte sich gut und erhielt Gold in den USA. Im Sog ihres erfolgreicheren zweiten Albums schaffte es das Debütalbum 1962 sogar bis Rang 15 in den Billboard 200 und hielt sich dort beachtliche 140 Wochen.

Die Songs

  • "Silver Dagger" ist ein flotter Folksong aus den USA. Die Version von Joan Baez machte den Song sehr bekannt. Interessant ist die Verwandtschaft zum Song Katy Dear. Beide Songs nutzen die selbe Melodie, haben aber unterschiedliche Texte.
  • "East Virginia" ist mit einer interessanten Melodie unterlegt. Baez singt den romantischen Lovesong mit viel Seele.
  • "Fare Thee Well (auch Ten Thousand Miles)" ist eine englische Folkballade. Es handelt sich um einen romantischen Song, ein Liebender nimmt in ergreifender Form Abschied, bevor er auf eine lange Reise geht. Baez interpretiert den Song mit ihrer manchmal grenzwertigen hohen Stimme gut. Im direkten Vergleich schneidet, aus meiner Sicht, die Version von Mary Chapin Carpenter (10.000 Miles) besser ab.
  • "The House of the Rising Sun" ist ein Folksong, über dessen Ursprung man sich streitet. Möglicherweise stammt der Song aus den USA, möglicherweise aber auch aus England. Genaueres weiß man nicht. Der Song ist den meisten Musikhörern zweifellos in der fantastischen Version von den Animals bekannt. Inhaltlich unterscheiden sich die Versionen abhängig vom Geschlecht des Erzählers - Joan Baez wählt die Sicht der Frau, die einem Spieler verfällt und letztlich als Prostituierte in New Orleans arbeitet. Es ist einer der Songs, auf dem mir die Gesangsparts von Baez etwas zu aufdringlich wirken. Sie bemüht sich sehr um einen stimmungsvollen Aufbau, aber in den lauten Passagen macht sie einfach zuviel von dem kaputt, was sie vorher an Stimmung aufbauen konnte.
  • "All My Trials" ist ein Folksong, der gerne von den Protestsängern der 1950er gesungen wurde. Dabei wurzelt der Song musikalisch im Spiritual und behandelt ursprünglich religiöse Themen (vor allem in der Version All My Sorrows). Baez präsentiert den Song mit guter Gesangsarbeit und rettet damit das etwas langatmige Stück, eine etwas dynamischere Gitarrenbegleitung hätte dem Song sehr gut getan.
  • "Wildwood Flower" ist ein Song aus den USA. Der Song wurde unter dem Namen I'll Twine Mid The Ringlets im 19. Jahrhundert geschrieben, wurde dann in der Wildwood Flower Version durch die Carter Family bekannt gemacht. Der Song entwickelte sich schnell zu einem Standardsong der häuslichen Musik in den USA. Ein schöner und unterhaltsamer Song, der mich etwas an Heute Hier Morgen Dort erinnert.
  • "Donna Donna" (eigentlich Dana Dana) ist einer der Klassiker der Folkmusik. Es handelt sich um einen religiösen jiddischen Song, der von einem Kalb handelt, welches zur Schlachtbank geführt werden soll. Der Song wurde durch die Joan Baez einer breiten Hörerschaft bekannt gemacht, die spätere Version von Donovan war allerdings erfolgreicher (m. E. auch etwas besser gelungen).
  • "John Riley" (auch bekannt als Johnny Riley, The Broken Token oder A Fair Young Maid All in Her Garden) ist ein englischer Folksong. Auch hier verhalf die Joan Baez Version dem Song zum Durchbruch, er wurde zu einem gerne gespielten Song des Folk Revival. Inhaltlich beschreibt der Song eine Liebesgeschichte, die mit Homers Odyssee verbunden ist. Ein Mann will eine Frau heiraten, die jedoch einem John Riley versprochen ist. Der wiederum ist schon seit langer Zeit auf See unterwegs. Der Mann versucht die Frau von der Unsinnigkeit des Wartens zu überzeugen. Die Frau bleibt jedoch dabei, auf ihren John Riley zu warten. Letztlich stellt sich heraus, dass der Bittsteller kein anderer als John Riley ist und er die Frau nur auf die Probe stellen wollte. Die Baez Version ist schön gemacht, vor allem die Gitarrenbegleitung ist hier interessant gestaltet.
  • "Rake And Rambling Boy" gehört zu den typischen Traditionals aus den USA und nutzt ein Thema, welches u. a. in Songs wie Black Jack Dave oder Betty and Dupre in ähnlicher Form vorkommt. Schön ist hier wieder die Gitarrenarbeit von Baez und Hellerman.
  • "Little Moses" dürfte auch ein traditioneller Song aus den USA sein. Die erste Version stammt wahrscheinlich von der Carter Family, welche den Song 1929 aufgenommen hatte. Sara Carter erlernte diese religiöse Ballade von einer Verwandten, der Song bezieht sich wahrscheinlich auf den Song Moses in The Bulrushes. Es dreht sich - nomen est omen -um den berühmtesten aller Propheten und sein Leben. Der Text ist einfach gehalten, die Melodie ist ebenfalls einfach angelegt, der Song besitzt ein Walzerfeeling.
  • "Mary Hamilton" (auch The Fower Maries) ist eine Ballade, die aus Schottland stammt. Es geht um eine der vier Maries, die hier Hausdame der Queen of Scots ist. Sie hat eine Beziehung zum schottischen König, aus der ein Kind hervorgeht. Mary tötet das Kind. Auch hier machte die Version von Joan Baez den Song erst so richtig bekannt. Sie verleiht dem Song mit ihrer Stimme aber eine eher amerikanische denn schottische Stimmung.
  • "Henry Martin" (andere Schreibweise Henry Martyn) ist ein weiterer Folksong aus Schottland. Er handelt von einem Jüngling, der zum Piraten wird um seine älteren Brüder zu unterstützen. Dabei bezieht sich die Geschichte auf Sir Andrew Barton und dessen Brüder Robert und John. Henry Martin gehört zu den vielgesungenen Folksongs, die Version von Joan Baez ist eine unter vielen.
  • "El Preso Número Nueve" (The Ninth Prisoner) bedient zum Schluss den Hispanic Roots Bereich. Der in spanisch gesungene Song verströmt ein Mexikofeeling, auch hier wirken die Vokalparts von Baez stellenweise etwas sehr dramatisch.

Fazit Joan Baez' Einfluss auf das Folk-Revival der 1960er darf nicht unterschätzt werden. Es gab damals schon eine Menge sehr bekannter Folksänger und auch Folksängerinnen. Aber Joan Baez war einzigartig. Sie war zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal 19 Jahre alt. Dazu verströmte Joan ein geradezu braves und engelhaftes Flair und bezauberte den Hörer zusätzlich mit ihrer hohen und zarten Stimme. Der Gesang prägt die Stimmung des Albums, was gerade von Fachleuten immer wieder hervorgehoben wird. Aus meiner Sicht ist es aber schade, dass die Dynamik nicht öfter durch das Begleitinstrument Gitarre erzeugt wird. Denn so weist das Album gewisse Längen auf. Außerdem wirkt Baez' Stimme in den lauten Passagen manchmal etwas sehr dramatisch und belastend. Dennoch bleibt festzuhalten: das Debütalbum von Joan Baez ist ein Meilenstein des Folkrevival und gleichzeitig der modernern Popmusik. Heute entfaltet so ein Album seine ursprüngliche Wirkung nicht mehr annähernd, im Jahr der Veröffentlichung war die Performance von Joan Baez aber zweifellos wegweisend.

Trackliste

  1. Silver Dagger 2:32
  2. East Virginia 3:44
  3. Fare Thee Well (10,000 Miles) 3:22
  4. House of the Rising Sun 2:56
  5. All My Trials 4:41
  6. Wildwood Flower 2:37
  7. Donna Donna 3:15
  8. John Riley 3:54
  9. Rake and Rambling Boy 1:59
  10. Little Moses 3:31
  11. Mary Hamilton 5:58
  12. Henry Martin 4:15
  13. El Preso Número Nueve 2:48

2001 Remastered Edition Bonus Tracks

  • Girl of Constant Sorrow 1:46
  • I Know You Rider 3:46
  • John Riley (zuvor unveröffentlichte Version) 4:23

Rezensent: MP

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